GLAS im Alltag!
Ob kunstvolles Meisterwerk oder überaus vielseitiger Gebrauchsgegenstand – ein Leben ohne Glas ist undenkbar, zählt dieser Werkstoff doch zu den ältesten, die die Menschheit kennt. Aber woher kommt Glas? Die Ursprünge der Glaserzeugung liegen rund 4000 Jahre zurück. Die frühesten Glasfunde stammen aus Ägypten und Mesopotamien, wo Quarzsand, Pflanzenasche und Kalk zu einer Art Glasur gemischt wurden, aus der man Glas schmolz. Das Ergbenis: Bläulich gefärbtes Glas, das kaum einen Sonnenstrahl hindurch ließ, war es doch beinahe undurchsichtig.
Die Leidenschaft für dieses so kostbare und seltene Material war geweckt: Man begann, edle Schmuckstücke und winzige, kunstvolle Gefäße herstellen. Dazu wurden Ton- und Sandkerne mit Glasmasse umwickelt oder in zähflüssiges Glas getaucht, zur Verzierung dienten bunte Glasfäden. Durch Zugabe von Metall-Oxiden entstand nicht nur blaues, sondern auch grünes, rotes, gelbes, violettes, schwarzes und weißes Glas. Das “glasklare” Glas hingegen wurde erst im 7. Jahrhundert vor Christus entwickelt, als es gelang, Verunreinigungen bei der Herstellung zu vermeiden.
Aber wie wurde zu jener Zeit das Glas geformt? Dazu gab es bereits zwei gängige Methoden: Man goß das Glas in grobe Formen oder schmolz pulverisiertes Glas in einer erhitzten Form. Ab dem 1. Jahrhundert vor Christus entwickelte sich dazu eine dritte Methode: Das Glasblasen mit einer Glasmacherpfeife. Die Herstellung von Glas wurde jedoch immer weiter perfektioniert: Glas, das um Christi Geburt noch ein überaus teures und rares Gut war, konnte im folgenden Jahrhundert in immer größeren Mengen hergestellt werden. In Rom gab es bereits eine Straße der Glasmacher (Vitriarii) und der Glasschleifer (Lapidarii). Mehr und mehr Werkstätten wurden gegründet und einige gläserne Gegenstände waren bereits damals erschwinglicher als ihre metallenen Pendants. In dieser Zeit entstanden auch die ersten Altglassammlungen, schließlich durfte nichts von dem wertvollen Rohstoff vergeudet werden. Im Norden, wo das Klima rauer war, wurde erstmals gegossenes Fensterglas eingesetzt.
Während das römische Reich unterging, florierte die Glaserzeugung. Die Werkstätten im Norden des ehemaligen Reiches hatten Bestand, ebenso lebte die Zunft im Osten auf. Ausgrabungen zeigen noch heute den großen Einfluss, den Byzanz und die islamische Kultur auf die Glasherstellung ausübten.
Einen weiteren Aufschwung erlebte die Glaskunst zur Zeit der Merowinger; damals wurden unzählige Waldglashütten gegründet – viele von ihnen unter Einfluss der Kirche.
Bereits vor Beginn der Renaissance kristallisierte sich ein neues Zentrum der Glaskunst heraus: Venedig. Die findigen Glasmacher befanden sich im regen Austausch und verstanden es, antike Elemente der Römer und islamisch geprägte Einflüsse zu verschmelzen. Vielerorts konnte man diese besonderen Künste bewundern: Kirchen und die Wohnstätten der Oberschicht wurden mit prunkvollen Fenstern ausgestattet, in Gaststätten wurden Trinkgläser und Flaschen eingesetzt, darunter auch besonders kunstvolle Stücke, die nur für spezielle Anlässe vorgesehen waren. Aber auch Glasobjekte von rein praktischem Nutzen wurden bereits hergestellt. Z.B.: Die Schusterkugel, die den Arbeitsplatz der Schuster erhellen sollte, die Fläschchen der Apotheker oder der Glasschirm der Öllampen.
Auch im Rest Europas – da vor allem in Frankreich, den Niederlanden und England – entstanden große Werkstätten, die ihrerseits versuchten, Glas möglichst kunstvoll zu formen und zu bearbeiten.
Venedigs zentraler Einfluss wurde jedoch erst durch den Aufstieg der böhmischen Waldglashütten zu einer gehobenen Glasermacher-Kultur gebrochen: Formen und Farben wichen gänzlich vom Stil Venedigs ab. Gegenstände des täglichen Gebrauchs, die jedoch überaus kunstvoll verarbeitet waren, wie Trinkgläser, Briefbeschwerer oder Aschenbecher, eroberten die bürgerlichen Wohnungen.
Die industrielle Revolution setzte Mitte des 19. Jahrhunderts einen weiteren deutlichen Einschnitt: In Europa und Amerika wurde günstiges Gebrauchsglas in riesigen Mengen gefertigt. Neuartige Maschinen übernahmen einen Großteil der Arbeit. Plötzlich reichten billige, kaum ausgebildete Arbeitskräfte aus, um Glas herstellen zu können. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Glasindustrie bereits völlig auf Maschinen umgestellt.
Während Glas zum erschwinglichen Alltagsgegenstand wurde, blieb doch die Faszination dieses Werkstoffs ungebrochen: in der Kunst wurde an immer neuen Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten gefeilt. Spektakuläre Glasfassaden und leuchtende Glaskörper prägen heute das Erscheinugsbild der großen Metropolen und demonstrieren die Allgegenwart dieses einzigartigen Werkstoffes.










